Venus und Mars in der Medizin
Eigentlich kennt sie jeder, die „kleinen Unterschiede“ zwischen Frau und Mann. Die Geschlechter sind nicht nur körperlich verschieden, denken und verhalten sich anders, Frau und Mann werden auch ganz unterschiedlich krank.
Neben den biologischen Faktoren beruhen Geschlechterunterschiede auch auf unterschiedlichem Verhalten und psycho-sozialen Einflüssen. Für Dr. Elisabeth Zemp, Leiterin der Forschungseinheit Gender und Gesundheit am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Basel, hat dies Folgen: „An Männlichkeit und Weiblichkeit werden in unserer Gesellschaft immer noch unterschiedliche Erwartungen geknüpft, die mit spezifischen Sozialisationserfahrungen verbunden sind. Diese Rollenerwartungen und -zuschreibungen haben Auswirkungen auf die Gesundheit.“
Gesundheitsfaktor Sozialverhalten
Frauen leiden allgemein stärker unter den Belastungen des Berufsalltags und des Familienlebens. Sie tendieren eher zu seelischen Krankheiten wie Depressionen, Angstzuständen oder Essstörungen und unternehmen aus diesen Gründen doppelt so viele Suizidversuche wie Männer. Diese hingegen weisen eher erhöhte Blut- und Leberwerte auf und leiden häufiger an
Herz-Kreislaufkrankheiten oder Lungenkrebs. Eine Erklärung dafür könnten Stressbelastungen im Beruf liefern, einhergehend mit erhöhtem Alkohol-, Tabak- und Drogenkonsum. Die bedeutend tiefere Lebenserwartung von Männern – 78 Jahre gegenüber 83 bei Frauen – dürfte auf jeden Fall auch im von Dr. Zemp angesprochenen Sozialverhalten zu suchen sein.
Gender-Medizin in der Schweiz
Fachleute sind sich einig, dass diesen Unterschieden ein grösseres Gewicht bei der Gesundheitsförderung sowie der Prävention, Diagnose und Behandlung von Krankheiten gegeben werden muss. Verena Hanselmann, Leiterin der Fachstelle „Gender Health“ beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), ist überzeugt, dass es im Gesundheitssystem geschlechtersensible und geschlechtsspezifische Massnahme braucht, um Frauen und Männern die gleichen Zugangschancen zu gesundheitlichen Ressourcen zu ermöglichen. Doch von einer breit abgestützten Gender-Gesundheitspolitik könne man in der Schweiz noch nicht reden. Gesundheitspolitik tangiere immer auch andere Politikbereiche, die nicht im direkten Einflussbereich eines Gesundheitsamtes stünden. Zwar hat in den vergangenen Jahren ein politischer Sensibilisierungsprozess stattgefunden, doch nun gilt es laut Hanselmann, den Gender-Ansatz strukturell zu verankern und das Wissen im Alltag umzusetzen. Unter anderem besteht in der Verbesserung der Genderkompetenz bei medizinischen und pflegerischen Fachpersonen Handlungsbedarf.